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Zitronensaurer Curry-Reis
28. Juli 2002

Ein Sonntag mitten im Juli in einer Großstadt. Ich sitze im Cafe Hummel in Wien auf einem weißen Sessel an einem weißen Tisch, der von einem gelb-weiß-karierten Tischtuch bedeckt ist. Ein leichter Wind bewegt die herunterhängenden Enden des Tuches wellenförmig hin- und her. Verblasen kann es das Tischtuch nicht. Dazu ist einerseits der Wind zu schwach, andererseits wird das Tuch von darauf stehenden Gegenständen fixiert. Ein Zuckerstreuer sowie ein Pfeffer-Salz-Zahnstocher-Set. Der Zuckerstreuer ist halb voll, es kleben einzelne Kristallstücke an der durchsichtigen Zuckerstreuerwand – ein Test bestätigt meinen Verdacht. Der Zucker ist zu feucht, um auf den ersten Schwung in die danebenstehende Kaffeetasse zu rutschen. Dafür zirkulieren Aschereste von früheren Zigaretten fröhlich und locker im Kreis, ohne in dem für sie eingerichteten Aschenbecher liegen zu bleiben.

Zwei Läufer vom Fernsehen

Rechts neben mir diskutieren zwei Herren in schwarzer Kleidung. Es dauert nicht lange, bis ich in ihr Thema eingeweiht bin. Die beiden sprechen über ein neues Projekt, das sie in nächster Zeit angehen werden. Es soll eine neue Fernsehsendung werden, die auf einem Privatsender ausgestrahlt wird. Sie reden über den Zeitplan, den sie einzuhalten haben, über die Sponsoren, die sie dafür auftreiben könnten, über die Dauer von An- und Abmoderation (Der eine zum anderen: “Schalten Sie zum nächsten Mal… zack, zack, zack, Nachspann und so”), über die Möglichkeit verschiedene Bundesländer in den Sendungsinhalt einzubeziehen.

Jeder hat mehrere Zettel vor sich liegen, einerseits Ausdrucke von E-Mails, andererseits leere, karierte Notizzettel, um Ideen und Ergebnisse festzuhalten. Inhaltlich soll es eine Art Wettbewerb werden, wo verschiedene Leute um die Zeit auf Laufbändern laufen. Einer möchte die Laufzeit als Sanduhr einblenden, der andere ist diesbezüglich etwas skeptisch bzw. hat er es sich einmal zumindest aufgeschrieben. Das ist aber nicht ihr einziges Problem, denn die erste Werbepause kommt ziemlich schnell (nach 14 min) und dauert dann schon ganze sechs Minuten. Weiters folgt der zweite Teil mit 20 Minuten, wird mit 6 Minuten unterbrochen, gefolgt vom letzten 14-Minuten-Teil. Und noch kniffliger wird es, da anscheinend noch ein Quiz mit vier Antwortmöglichkeiten dem Ganzen hinzugefügt wird. Weiters sollen die Leute in Paaren auftreten, die Seher Sympathien zu den antretenden Personen erhalten, die Sendung dramaturgisch dargestellt werden und es soll ein Zuschauer-Gewinnspiel geben. Eine harte Nuss also, die die beiden da zu knacken haben.

Durstiges Herrchen

Links neben mir ist gerade ein Tisch frei geworden. Ziemlich schnell hat der Mann sein zweites kleines Bier die Kehle hinunterfließen lassen. Er hatte es eilig, oder war genervt von dem anderen Herren am gegenüberliegenden Tisch, der schon mehr als eine halbe Stunde an seiner Pfeiffe nuggelt und wie eine Dampflok durch den Wind bedingt herüberqualmt. Der schwarze Hund vom Biertrinker war auch schon nervös, steckte seinen Kopf unter die Tischdecke und wartete auf Herrchens Befehl, endlich nach Hause gehen zu dürfen. Der Tisch ist leer – und die Kellnerin räumt die silberne Wasserschüssel des Hundes und das leere Bierglas des Herrchens weg.

Ausgezeichnete Presswurst

Doch lange bleibt er nicht leer, der Tisch an der schattigen Gastgarten-Ecke. Ein Mann in einem rosa Hemd setzt sich mit einem Buch an den Tisch. Der Kellner saust schnell heran und zählt ihm sogleich auf, was die Küche heute anbietet. “Wir hätten ein Speckbrot” – “Ist das Steak vom Rind oder vom Schwein?” – “Schweinssteak. Schön saftig, mit Curry-Reis, Kartoffeln” – “Curry-Reis?” – “Ja, Curry-Reis. Und Petersil-Kartoffeln” – “Aha, na dann schau ich noch”. Ein Mineral-Zitron gabs bei ihm zu trinken. Zu essen wurde es schließlich eine Presswurst mit Zwiebel. Diese Wahl bestätigt der Kellner mit einem “Ausgezeichnet” und verschwindet in der Küche. Nachdem sich der Gast sein Mineral ins Glas sprudeln lässt, wird ihm bereits das Besteck – eingewickelt in einer Serviette – überreicht.

Blättern durch das vielseitige Angebot

Bereits zum zweiten Mal geht in der Nähe eine Autoalarmanlage los und dominiert das ruhige Gemurmel des vollen Cafes. Kurze Töne auf und ab – unangenehm, nicht nur für die beiden Fernsehproduzenten, die sich auf ihr Produkt konzentrieren wollen. Bei dem Ehepaar vor mir ist es nicht so wichtig, da sie “nur” die Speisekarte studieren. Sie ist ganz konzentriert, er schaut nach jedem Seitenumblättern auf und in die Gästemenge. Wahrscheinlich weiß er schon, was er essen möchte und blättert einfach nur so durch, falls sich doch noch eine bessere Speise finden sollte. Nachschauen braucht der Gast links neben mir nicht – er bestellt sich ein zweites Mineral-Zitron. Recht hat er, denn bei diesem Wetter muss man viel trinken. Leider hat der Kellner zu viel Zitrone in das Glas gekippt, sodass das Mineral erst nach dem zweiten Nachgießen genießbar wird.

Familiäres Beisammensein

Der Tisch vor mir ist angeblich nur für Familien reserviert. Zuerst saßen zwei Eltern mit ihrem 16-jährigen Sohn, nun sitzen wieder andere Eltern mit einem noch viel anderen 20-jährigen Sohn am Tisch. Und immer sitzt der Vater rechts, die Mutter links und der Sohn in der Mitte. Und immer liest der Vater den Wiener Stadtplan, während die Mutter im bebilderten Reiseführer blättert. Der Sohn sitzt den zwei Parteien kommentarlos gegenüber und wartet gespannt, welches Ziel seine Eltern als nächstes wählen werden. Es dürfte sich um einen Zufall handeln, dass beide Söhne kurze helle Hosen und Brillen tragen.

Bezahlter Nachspann

Ich glaube, es wird Zeit, dass ich das Cafe verlasse. Die beiden Produzenten werden immer aggressiver, da sie immer mehr unterschiedlicher Meinung sind. Zahlen muss ich ein gemischtes Eis (mit drei Kugeln, wobei ich mich bei der Zitronen-Sorte so wie mein Nachbar etwas quälen musste), ein Glas Wasser (welches mir sehr behilflich beim Löschen des Zitronenbrandes war) und eine Melange (wo der übrig gebliebene Kaffeerest am Boden der Tasse bereits erstarrt ist). Wie bei einer Soap-Opera: Ich bin schon gespannt, was bei meinem nächsten Besuch passieren wird. Dabei ist es mir egal, wie “sauer” die Ereignisse wieder werden.

Augenblick

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