Fast niemand kennt ihn so richtig, obwohl er eigentlich regelmäßig erscheint und auf keinem Kalender versteckt ist: Den Morgen des ersten Tages im Jahr. Gefeiert wird über Silvester bis in die Morgenstunden, doch dann ist es schon zu spät, um die ersten Sonnenstrahlen des neuen Jahres zu genießen. Ruhe folgt dem Lärm Vor ein paar Stunden hat es noch gekracht und geblitzt. Hunderttausend Menschen feierten auf den Straßen den Jahreswechsel. Sekt wurde getrunken, Blei gegossen und Marzipanschweinchen in Lebensmittelfarbenrosa vertilgt. Doch nun ist es ruhig. So ruhig wie in einem verlassenen Western-Dorf, wo Salon-Türen schwingen und der Wind den Sand aufwirbelt. Wien schläft. Die Straßen sind leer, es fahren nur vereinzelt Autos. Minutenlang mitten auf Straßen zu gehen, die am Vortag noch sehr befahren waren, ist nun möglich. Überreste aus dem Vorjahr Eine Wolke mit Schwefelgeruch und frisch-gezündeten Feuerwerksraketen streift durch die Seitengassen. Der Himmel ist blau, Vögel zwitschern gut gelaunt auch dort, wo sie sonst nie gehört werden. In unübersehbarem, leuchtendem Orange sind die fleißigen Männer des Straßenreinigungsdienstes unterwegs. Mit der Schaufel schiebt ein pfeiffender Müllmann seine Beute zum Müllbehälter. Angeknackte Schweizerkracher, verbrauchte Raketenstäbchen, gepoppte Sektkorken, scharfe Scherben, ausgeschütteter Alkohol und andere “Leckereien”. Wenn Fahnen Geschichten erzählen Die wenigen Passanten, die noch auf der Straße spazieren, teilen sich in zwei Gruppen. Die mit dem Kopfpolsterabdruck sind gerade aufgestanden, die mit den vielen Falten im Gesicht auf dem Weg ins Bett. Die stillen Menschen beginnen den Tag, die lauten Personen beenden bald ihr Durchmachen. Frisch geputzte Zähne konkurrieren mit geschichtenerzählenden Fahnen. Alte Menschen sind hellwach, junge Menschen “dunkelmüde”. 2003 Doch am nächsten Tag sind die Biorythmen wieder gleich. Im Dezember noch verabschiedet, werden alle gut Hinübergerutschten heuer wieder begrüßt. Guten Morgen, 2003 ist da.



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