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Unvergesslich
5. Juli 2007

Von wie vielen Seiten sich Wien zeigen kann, hat mir wieder einmal eine Reise nach Simmering an die südöstliche Stadtgrenze klar gemacht. Dort, wo die U-Bahn endet, dort, wo fast jede Haltestelle der Straßenbahn ein Zugang zum Zentralfriedhof ist, und dort, wo die Lokalbusse nur noch alle halben Stunde fahren – auch dort ist Wien. Bei der Anreise zum Hafen treffe ich auf Personen, die ich ganz vergessen hatte: Kampfhundebesitzerinnen, Hafenarbeiter, Lkw-Fahrer und überraschend viele Markenkleidungsträger. Die Straßen rund um den Hafen Albern sind gut frequentiert. Jedes zwanzigste Vehikel ist ein Pkw, alle anderen Lkws – mit oder ohne Container beladen. Ich als einziger Fußgänger. Eingebettet in eine Landschaft großer Firmenhäuser und weitläufigen Landwirtschaftsflächen finden sich das Baustoffterminal, der Umschlagplatz von Getreide, sowie das Zollamt und die Brückenwaage des Wiener Hafens.

13-stöckige Getreidespeicher im düsteren Grusellook ragen in die Höhe. Nach einer Durchquerung des Betriebsgeländes findet sich hinter einem Damm versteckt eine Gedenkstätte der besonderen Art: Der Friedhof der Namenlosen. An dieser Stelle der Donau sammelte ein Wasserwirbel stets Äste und anderes Treibgut an Land. 1840 wurde die erste, unbekannte Wasserleiche beerdigt – über 500 Personen wurden aus dem Wasser geborgen und größtenteils namenlos beerdigt.

Ein Teil des Friedhofs ist noch erhalten. Schwarze Kreuze erzählen mit kurzen Worten und keinen bis wenigen Fakten das zu erahnende Schicksal der Personen – unter ihnen auch Kinder, deren Gräber heute noch mit Stofftieren und Spielzeugautos geschmückt werden. Unvergesslich, Unbekannt, Namenlos, Ruhe sanft, ertrunken durch fremde Hand. Bei vielen Gräbern oft nur das Funddatum. Still ist es nicht – der Lärm des angrenzenden Hafengeländes und der starke Wind prägen die Atmosphäre. Zurück beim ersten Tor des Zentralfriedhofs.

Hier gegenüber steht eine fünf Meter hohe Christusstatue – im Hintergrund das Schloss Concordia, ein von einem Steinmetzunternehmen aus der Kaiserzeit umfunktioniertes Kaffeehaus. Auch hier eine seltsame, düstere Atmosphäre. Wer sich an der riesigen Statue vorbeitraut und die Türschnalle hinunterdrückt, dem öffnet sich ein Zugang zu einem historischen Kuppelsaal. Mehr als ein Dutzend dekorierte Tische sind hier angeordnet, nur findet sich keine einzige Menschenseele im Kaffeehaus.

Ich ganz allein. Kleine Lautsprecher machen dann aber doch darauf aufmerksam, dass hier geöffnet ist. Ein nachdenklicher Ausflugstag neigt sich dem Ende zu. Mit Kaffee und Torte reise ich noch einmal gedanklich zurück, während über drei Millionen Seelen im gegenüberliegenden Zentralfriedhof in Frieden ruhen.

Heimreise

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