Die Aufgabenstellung ist klarerweise hoch gesteckt. Ein Buch zu schreiben über ein Land mit 1,3 Milliarden Einwohnern, über deren gemeinsame Kultur, Umgangsformen, der Sprache und die Familienverhältnisse. Doch wer noch nie in diesem Land war, möchte sich auch in gewissem Maße vorbereiten und sich über Land und Leute informieren. Seit dem Buch “Gebrauchsanweisung für Amerika” von Paul Watzlawick drucken immer mehr Verlage das Wort “Gebrauchsanweisung” auf ihre Reisebücher – wer es gewohnt ist, ein Gerät richtig bedienen zu wollen, liest sich die vollständige Gebrauchsanweisung durch und kann es bedienen. Ist nur die Frage, ob sich das auch auf Menschen umlegen lässt – die Antwort bleibt dem Leser überlassen.
Die Gebrauchsanweisung für das Reich der Mitte, der “China-Knigge” von Yu-Chien Kuan und Petra Häring-Kuan, versucht eine Kultur in vielen Aspekten darzustellen – meist im Vergleich mit der deutschen Art. Die beiden Autoren sind verheiratet und stammen aus China und Deutschland. Wenn also ein Deutscher mit einer Hand zwei Eis bestellt (Daumen und Zeigefinger), würden in China acht Stück ausgehändigt. Die Chinesen verwenden nur eine Hand, um bis zehn zu zählen – mit Zeige- und Mittelfinger wird die Zahl Zwei eigentlich dargestellt. Und auch sonst gibt es viele Eigenheiten, die berücksichtigt werden sollten. Wer einen Chinesen einlädt soll, laut Buch, trotz einer Verneinung doch noch einen Schöpfer nachreichen – angeblich ist das nur aus Höflichkeit. Nein bedeutet also nicht immer nein. Wer vier Mal nachfragt, erhält dann vielleicht doch ein “wenn’s keine Umstände macht” als Antwort. Also Ja.
Überhaupt gibt es angeblich keine leeren Teller – in China wird immer nachgeschenkt, denn ein leerer Teller könnte ja bedeuten, dass der Gast glaubt, er/sie sei dem Gastgeber nicht so wichtig. Aufzuessen bis nichts mehr übrig ist, ist sozusagen im Reich der Mitte unmöglich. Sehr seltsam, wenn die jüngere Geschichte des Landes über katastrophale Hungerskatastrophen berichten kann. Ob sich all die Erfahrungen des Buches auf über 300 Seiten bewahrheiten, muss ich erst selbst entdecken. Jedenfalls ist es ein leicht zu lesendes Buch mit zum Teil lustigen (erfundenen?) Beispielen, und eher als Nachschlagewerk gedacht. Viele Erzählungen wiederholen sich in anderen Kapiteln.
Kuan, Yu-Chien / Häring-Kuan, Petra (2006): Der China-Knigge. Eine Gebrauchsanweisung für das Reich der Mitte, Fischer: Frankfurt am Main.
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