Ein weißer Stoffhund posiert auf einem rosaroten Tuch inmitten des Wohnzimmers, das auch sonst technisch gut ausgerüstet ist: Ein großer Fernseher, eine moderne Stereoanlage mit hölzernen Lautsprecherboxen, ein rotes Festnetztelefon, ein Ventilator und ein Kühlschrank. Der 60-jährige Bauer eines 400-Seelen-Dorfes außerhalb der tibetischen Hauptstadt Lhasa nimmt auf einem kleinen Hocker Platz, während seine Gäste auf dem bequemen Ecksofa sitzen dürfen und stets vollgefüllte Teetassen serviert bekommen. Er gehöre zur Mittelschicht in diesem Dorf, lässt er seine Besucher wissen.

Auf seinem ein Hektar großen Grundstück beschäftigt er sich neben der Viehzucht, dem Ackerbau und einer Baumschule – die Bäume werden als Windschutz entlang der Straßen eingesetzt – seit kurzem auch noch als Busunternehmer. Nur von Getreide zu leben – in seinem Fall Gerste und Weizen – sei zu wenig. Für Obst gibt es hier, oberhalb von 3.600 Meter Seehöhe, nur sehr wenig Anbaumöglichkeiten. Deshalb hat er sich einen Kredit aufgenommen und damit einen Bus gekauft, den nun sein Schwiegersohn fährt. Da die Touristenzahlen in letzter Zeit durch den Bau des Bahnhofs und des Flughafens in Lhasa stets nach oben gehen, erhofft er sich dadurch eine weitere Finanzierungsquelle für seine fünfköpfige Familie.

Mit einem Jahreseinkommen von etwa 2.500 Euro muss er momentan auskommen, wobei er alleine für das alltägliche Leben der Familie etwa 1.700 Euro ausgibt. Das Kindergartensemester für seine Enkeltochter kostet 120 Euro. Fast neun Jahre hat er Geld gespart, um das Haus für 7.000 Euro bauen zu können. Nach der “Befreiung Tibets” bzw. nach der Eingliederung Tibets in die Volksrepublik China Anfang der 1950er Jahre sei eine “gigantische Veränderung im alltäglichen Leben” zu bemerken gewesen, so der Bauer, der sich für diesen Besuch extra mit einem hellen Hemd, violetter Weste und einem Hut herausgeputzt hat. Damals seien die Wohnhäuser aus Lehm gewesen, heute bestehen Häuser aus Ziegel, die Stromversorgung ersetzte Kerzenlicht und beinahe jeder hätte nun ein Auto oder ein Motorrad. Was das Religiöse angehe, sei er nicht so streng. Er bekenne sich zwar zum Buddhismus, aber ein richtiger Anhänger sei er nicht und mache auch nicht regelmäßig bei religiösen Veranstaltungen mit.

Trotz der Zugehörigkeit zu China wird im autonomen Gebiet Tibet weiterhin Tibetisch gesprochen. Im Supermarkt oder beim Autofahren komme er ganz gut mit seinem Tibetisch zurecht. Schließlich sind viele Schilder zweisprachig – in Tibetisch und Han-Chinesisch – angeschrieben. Auch die Gemeinderegierung besteht aus einer Mehrheit an Tibetern. Es gibt eigene Zeitungen, Radio- und Fernsehsender für die Tibeter. Lesen kann er gut, das Schreiben ist für ihn jedoch etwas mühevoll. Nur in von Han-Chinesen neu eröffneten Restaurants sei es schwierig, sich zu verständigen, wenn auch die Bedienung nicht übersetzen kann. Die Unterrichtssprache in der Schule hänge davon ab, wie hoch der Anteil an Tibetern sei. Wenn die Mehrheit Tibeter seien, wird deren Sprache angewandt. Ansonsten wird han-chinesisch unterrichtet. Die sprachliche Trennung ist auch im Dorf zu sehen. Bisher habe hier noch niemand einen Han-Chinesen geheiratet – in anderen Dörfern gäbe es das aber schon, meint der 60-Jährige.

Nach einer Stunde führt der Bauer seine Gäste aus Österreich noch kurz durch sein Grundstück. Österreich kenne er nur vom Namen, jedoch kann er das Land zu keinem Kontinent zuordnen. Erst als ihm die Dolmetscherin, die für die Übersetzung von Chinesisch auf Tibetisch zuständig war, erklärt, dass Österreich ein Nachbarland von Deutschland sei, kennt er sich aus. Im Fernsehen hat er einmal eine Dokumentation über den Zweiten Weltkrieg gesehen. Der Hund bellt, einige seiner über 20 Schweine laufen im Gehege herum. Seine 12 Rinder sind nicht im Freien anzutreffen.

Ein Teil seiner Familie kehrt nach Hause zurück – nicht nur sein Enkelkind macht einen verwunderten Blick als sie den vielen Langnasen gegenüberstehen. Die Gäste sind abgereist und endlich kehrt wieder Normalität ein. Es ist schon spät. Zeit, um fernzusehen.
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