Wer bisher noch nie eine Aufführung einer Peking-Oper miterlebt und sich vorher nicht mit dem Stil dieser chinesischen Opernversion auseinandergesetzt hat, wird mit weit offenen Augen im Publikum verharren. Aber zurück zum Anfang. An der angegebenen Adresse in Peking angekommen, blicke ich mich verwundert um und sehe, wie zahlreiche Menschen in das Qianmen Jianguo Hotel strömen. Taxis liefern laufend weitere Menschen vor der Eingangstür ab. Es sind alles keine Chinesen.

Hier sind also alle bisher in Peking nicht anzutreffenden Europäer und Amerikaner versammelt. Das Drei-Sterne-Hotel hat sich als Enklave von Langnasen etabliert, vor allem deshalb, weil im hauseigenen Liyuan-Theater regelmäßig Peking-Oper-Aufführungen stattfinden. Eine Oper in einem Hotel? Das riecht nach Tourismus.

Durch die Lobby gelange ich zum Eingang des Theaters, dränge mich durch den mit Westlern gefüllten Souvenir-Shop und erreiche schlussendlich in den Saal. Das gar nicht mal so billige Ticket berechtigt mich, an einem runden Tisch fast beinahe vor der Bühne zu sitzen. Je weiter ein Sitzplatz davon entfernt ist, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass ein chinesischer Gast darauf sitzt. Obwohl ich in meinem Leben mit Imperialismus nichts zu tun hatte, bekomme ich deshalb Schuldgefühle. Ich flüchte in den Raum nebenan, wo sich die in Kürze auftretenden Schauspieler öffentlich schminken.

Eine Horde alter Europäer fotografiert eifrig die Zeremonie. Ich knipse nur ein paar Fotos und kehre an meinen Platz zurück. Die Oper beginnt, Musik spielt auf. Die westlichen Gäste werden nicht leiser und bestellen sich reihenweise Bier und Tee. Ein Kellner jongliert mit seiner Teekanne, an der ein meterlanger Ausguss befestigt ist, und schenkt ein. Die Gäste aus dem Westen klatschen.

Vor den roten Vorhang tritt ein kostümierter Mann, der in englischer Sprache und hohem Ton seine Gäste begrüßt und die bevorstehende Aufführung erklärt: “Welcome to the theater and welcome to China!” Blechinstrumente und Schlagzeug läuten den Beginn ein.

In bunten Kostümen tanzen Statisten von links nach rechts und zurück. Im Laufe der einstündigen Oper kristallisieren sich schnell die Hauptakteure heraus, die jeweils in sehr hohen, überspitzten Stimmlagen ihre Emotion und ihr Schicksal besingen. Kurze Sprechsequenzen wechseln immer wieder mit blechernen Klängen und Streichinstrumenten.

Akrobatische Tanzeinlagen werden von mit roten Fahnen schwingenden Menschen dargeboten. Die eine oder andere Szene erinnert an eine Mischung aus Kampfsportübungen und Zirkusvorführungen.

Ich werde mit einer mir bisher unbekannten, neuen, für China jedoch sehr alten Kultur konfrontiert. Ich habe nicht genau aufgepasst, um die Geschichte wirklich zu verstehen, da ich lieber die Schauspieler auf der Bühne verfolge als die auf elektronischen Tafeln angezeigten Untertitel in Chinesisch und Englisch: “Have a drink and listen to my song”. Dieses Motto zieht sich für mich durch die gesamte Vorstellung.

Am Ende wird geklatscht, das meiste Publikum verschwindet schnell und kann sich direkt ins eigene Hotelzimmer im Haus zurückziehen. Auch ich verlasse den Schauplatz mit schnell pochendem Herzen und kann mit Zufriedenheit sagen, selten so viele neue Eindrücke an einem Abend auf einmal erlebt zu haben.
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