Es geschah an einem sommerlichen Morgen in Wien. Der Fernseher brachte nur rauschende Bilder, der Browser konnte keine Internet-Verbindung herstellen, am Telefon hob niemand ab und die Tageszeitung lag auch nicht vor der Tür. Es fuhren keine Straßenbahnen, keine Busse, keine U-Bahnen, keine Autos – und es war keine Menschenseele weit und breit. Nur Jonas, ein in Wien-Brigittenau lebender Einrichtungsberater, schien noch zu existieren. Im Roman “Die Arbeit der Nacht” des österreichischen Autors Thomas Glavinic begibt sich Jonas auf die Suche nach weiteren Lebenden und bereist neben Wien auch andere österreichische Städte wie Linz oder Attnang-Puchheim.

Es ist die Verbindung des Heimatbezugs und der philosophischen Vorstellung, alleine auf der Welt zu sein, die diesen Roman besonders kennzeichnet. Schon in den 1960er Jahren konnte die oberösterreichische Schriftstellerin Marlen Haushofer in ihrem Buch “Die Wand” mit einem ähnlichen Thema punkten. Glavinic hingegen begibt sich in seinem 400-seitigen Werk in die Gegenwart des 21. Jahrhunderts mitsamt Videokameras, Fernsehern, Pumpguns und schnellen Autos. Neue Vorteile einer Welt, in der eigene Regeln gelten, werden durch Mangel an Menschenkontakten und Ängsten geschmälert. Spannung ist vorprogrammiert. Die dann aber teilweise etwas langatmig ausgefallenen Abschnitte im Buch fordern auf, sich die Frage zu stellen, was man selbst in dieser Situation tun würde. Die Stärke des Buches liegt somit nicht in der erzählten, skurrilen Geschichte selbst, sondern in der gebotenen Möglichkeit, in sich zu gehen, über sich nachzudenken, und die Welt um sich feinfühliger wahrzunehmen. Ein Spaziergang durch Wien – durch eine mit Menschen gefüllte und bewegte Stadt – ist nach dem Lesen dieses Buches unbedingt notwendig, um das entstandene Gedankennetz im Kopf weiter spinnen zu können. Wer also nach der Lektüre dieses Buches auch Zeit für weitere Gedanken aufbringen kann, dem ist das Buch durchaus zu empfehlen.
Glavinic, Thomas (2006): Die Arbeit der Nacht. Roman, Hanser: München, Wien.
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