Es ist zwei Uhr Früh in Beijing, aber noch brennt Licht im Bürogebäude des chinesischen Auslandsradios CRI. Im Rahmen einer Online-Diskussionsrunde mit dem Titel “Schönes Tibet” beantworten der 44-jährige Sozialwissenschafter und Tibeter Dawa Tsering sowie der 45-jährige Historiker und Tibetologe Prof. Lian Xiangmin zwei Stunden lang Fragen der internationalen Gemeinschaft. Die Fragen und Antworten werden auf Deutsch, Französisch, Portugiesisch, Spanisch, Italienisch und Esperanto übersetzt.

Der Moderator bezeichnet Tibet eingangs als “mysteriösen Ort mit Landschaften wie aus dem Bilderbuch”. Tibet werde von vielen Chinesen als Paradies betrachtet und stelle nach dem Bau der Qinghai-Tibet-Eisenbahnlinie eine attraktive Tourismusdestination für viele Chinesen und Ausländer dar. Doch gleich formuliert er, warum es zu dieser Diskussionsrunde eigentlich gekommen ist. Nachdem Tibet “in den Brennpunkt internationaler Presse” gerückt ist, und einige westliche Medien mit “unsachlicher und verdrehter Berichterstattung” reagierten, sei es an der Zeit, sich hier “über die Wahrheit in Tibet zu erkundigen.”
In Tibet sind etwa 96 Prozent der Bevölkerung Tibeter, es wird Tibetisch und Chinesisch gesprochen, aber auch Englisch in Schulen unterrichtet, Religionsfreiheit werde garantiert. Ein autonomisches Verwaltungsorgan, das der Führung der chinesischen Zentralregierung unterstellt ist, regelt die Angelegenheiten der tibetischen Nationalität. Die Bevölkerung in Tibet über 18 Jahren wählt Mitglieder in den Volkskongress und in die Volksregierung des Autonomiegebietes – die Vorsitzenden dieser Institutionen müssen Tibeter sein. Im Gegenzug steckt die Zentralregierung enorme, finanzielle Mittel in den Ausbau wirtschaftlicher, gesellschaftlicher, kultureller und ökologischer Entwicklung in Tibet.

Vor 1951 habe über lange Zeit feudale Leibeigenschaft und Theokratie in einem wirtschaftlich und gesellschaftlich rückständigen Tibet geherrscht. Fünf Prozent beherrschten 95 Prozent der Bevölkerung, die keine Menschenrechte hatten. Die durchschnittliche Lebenserwartung eines Tibeters habe vor der “friedlichen Befreiung Tibets” bei 35 Jahren gelegen. Mittlerweile würden Tibeter durchschnittlich 65 Jahre alt.
Während der Diskussionsrunde stellen beide chinesische Experten mehrmals klar, dass Tibet kein eigener Staat sei und von allen Staaten der Welt als Teil Chinas angesehen werde, da das Gebiet schon seit dem 13. Jahrhundert von der chinesischen Zentralregierung verwaltet werde. Professor Lian: “Nach dem Völkerrecht muss die territoriale Integrität eines souveränen Landes geachtet werden, und der Unabhängigkeitsversuch von einem Bestandteil eines Landes wird nicht unterstützt.”
Tibet befinde sich derzeit in seiner besten Phase der Geschichte, so die Experten. Wirtschaftlich sei das Produktionsniveau seit 1959 erheblich gestiegen. Landwirtschaft und Viehzucht stellen die wichtige Einnahmequellen dar. Der Tourismus hat sich nach dem Bau eines Flughafens und einer Eisenbahnlinie bis nach Lhasa stark ausgebreitet. Die meisten Tibeter würden davon profitieren und könnten ihr Einkommen dadurch stark erhöhen. Die dort lebenden Han-Chinesen beschäftigen sich vor allem mit dem Handel, und da viele Kunden Tibeter seien, sind einige Verkäufer und Kellner tibetischer Nationalität.

Zu den Vorfällen in Lhasa im März 2008 sind sich beide Experten, wie eigentlich während des gesamten Verlaufs dieser Diskussionsrunde, einig. Es handelte sich um Sabotageakte und ein Verbrechen der “Dalai-Lama-Clique“, die sich sowohl gegen Han-Chinesen als auch Tibeter richtete:
“Das war kein Konflikt zwischen der chinesischen Armee und Mönchen, sondern reine Sabotageakte der Verbrecher in buddhistischen Kleidungen.”
18 Menschen seien dabei ums Leben gekommen, viele Zivilisten verletzt und 1.200 Geschäfte zerstört worden. Journalisten seien nur deshalb “in sichere Orte” gebracht worden, da diese Sabotageakte das Eigentum und Leben aller Menschen in Tibet bedroht habe. Journalisten werden nur dann nach Lhasa gelassen, wenn ihre Sicherheit garantiert werden könne. Wer die Wahrheit über Tibet erfahren möchte, könne sich, so der Professor, über die zahlreichen Fotos und Videos ausländischer Touristen informieren. Die Beziehungen zwischen den verschiedenen Nationalitäten, so Lian weiter, seien “immer harmonisch”, und alle würden Gewalt ablehnen.
Imperialistische Länder würden die Tibet-Frage, die zu den inneren Angelegenheiten Chinas gehöre, dazu benützen, um die Volksrepublik China zu spalten. Würden die Tibeter als eine der 56 Nationalitäten in China ihre Unabhängigkeit artikulieren können, so würde es zu einer Serienfolge von Unabhängigkeitserklärungen anderer nationalen Minderheiten kommen, so Lian: “Konflikte zwischen den verschiedenen Nationalitäten würden folgen. Deshalb ist Tibet für China lebenswichtig.” Chinas Außenpolitik sei dadurch aber nicht beeinflusst. China werde sich weiter der Welt öffnen und gleichzeitig die Stabilität in Tibet wahren, auch wenn einige westliche Medien die Vorfälle im März 2008 als friedliche Proteste oder mit falschen Fotos darstellten. Einige Medien haben bereits ihre Fehler eingestanden.
Professor Lian Xiangmin über den Dalai-Lama:
“Was will er denn? Er will ein Gebiet, das ein Viertel von ganz China ausmacht, als ein trennbares Verwaltungsgebiet betrachten und Millionen von Leute der anderen nationalen Minderheiten aus diesem Gebiet ausschalten. Der Dalai Lama meint, dass er eine demokratische Wahl will, aber ist es eigentlich nicht eine Theokratie zum Ende?”
Die zwei Stunden sind vorbei. Eine spannende Diskussion geht leider mit vielen offenen Fragen zu Ende. Der Moderator antwortet mir: “Ja, Martin, die Zeit vergeht so schnell. Wir werden sicher noch solche Diskussionen veranstalten.”
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