Der tragische Fall, der Ende April 2008 in Amstetten bekannt geworden ist, bewegt das kleine Land Österreich. Schon wieder ein Verlies, schon wieder ein technisch versierter Mann und schon wieder übertrifft die eine Story die andere. Während es im österreichischen und internationalen Blätterwald erneut stark zu rauschen beginnt (“Der Teufel, der Gott sein wollte”, das “Inzest-Monster von Österreich” im “Horror-Haus” in Amstetten, usw.) und einige Zeitungen den Stammbaum der Familie mit vollständigen Namen und unzensierten Fotos im Fotosticker-Sammelalbumstil veröffentlichen, versuchen andere Medien der Gesellschaft und deren Kindern Tipps im Umgang mit diesen Nachrichten zu geben. Doch sind Initiativen, die auf mehr Wachsamkeit in der Bevölkerung abzielen – so gut sie auch auf den ersten Blick gemeint sein mögen – nicht eher kontraproduktiv für eine Gesellschaft? Ist ein indirekter Aufruf, den Polster auf das Fensterbrett zu legen und die Nachbarn durch das Fernglas zu beobachten, wirklich zielführend? Gelten Menschen, die sich mehr als vier Vorhänge kaufen als verdächtig, weil sie etwas verbergen möchten? Ist eine Person ein potentieller Täter, wenn am Abend mehrere Kisten in den Keller geräumt werden? Sollte ein Mann, der im Supermarkt Hygieneartikel für Frauen kauft, nicht vorsichtshalber eingesperrt und verhört werden? Oder sollten gleich alle Bürger, die älter als 40 sind und keine Kinder haben, einer Hausdurchsuchung unterzogen werden? Warum auch nicht gleich die Bürger überwachen, die eine Familie haben? Es könnte ja sein… Eine Stufe der Überwachung, nämlich die durch Videokameras unterstützte Art, etabliert sich in Österreich mittlerweile. Täter aber auch Nicht-Täter werden ohne ihr Wissen an beinahe jeden Ecken in den Städten gefilmt und fotografiert. Die nächste Stufe, die sich durch solche Tipps erreichen lässt, wäre noch viel dramatischer als sie schon ist. Nämlich dann, wenn es in der Gesellschaft kein Vertrauen mehr gibt, jeder gegen jeden vorgeht und scheinbar verdächtige Personen anzeigt. Wer etwa 70 Jahre zurück in der österreichischen Geschichte blättert, findet durchaus Ähnlichkeiten. Ob diese tragischen Fälle der letzten Jahre durch mehr Aufmerksamkeit in der Bevölkerung wirklich verhindert werden hätten können, bleibt eine theoretische Spekulation. Mit Sicherheit bringt uns eine Überwachungsgesellschaft keinen Schritt nach vorne.
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