Österreich besitze eine schöne Landschaft, so der Vize-Regierungschef Nyima Tsering des Autonomen Gebiets Tibet. Bei meiner China-Reise im Herbst 2007 konnte ich an einem Mediengespräch in Lhasa teilnehmen, welches eigens für eine kleine Gruppe österreichischer Journalisten organisiert wurde. Im Empfangsraum des Hauptquartiers war dafür alles vorbereitet worden. Teetassen standen für jeden Besucher bereit, eine Frau füllte beinahe minütlich frischen Tee nach. An der Wand hing ein riesiges Gemälde des Potala-Palasts. Auf der einen Seite nahmen die Gastgeber, auf der anderen die Gäste Platz.

In der Zwischenzeit baute das Staatsfernsehen CCTV seine Kamera auf, um das Treffen zu filmen. Die Dolmetscherinnen versteckten sich hinter der prachtvollen Blumendekoration. Nach wenigen Minuten war es soweit, und der Vize-Regierungschef ergriff das Wort: “Im Namen Tibets heiße ich die österreichische Delegation herzlich willkommen. Da Sie alle zum ersten Mal in Tibet sind, stelle ich Ihnen einmal die gesellschaftliche und wirtschaftliche Entwicklung des Landes vor.” Gesagt, getan. Es folgte eine Darstellung über das autonome Gebiet der Volksrepublik China – aus der Sicht eines Regierungsbeamten. Probleme wurden in der Einführung nicht erwähnt, jedoch hätte eine einführende Darstellung Österreichs sicher ähnlich positive Bilder gezeichnet. Den Anfang machte die kürzere Geschichte Tibets:
“Tibet wurde am 20. Mai 1951 von der Volksrepublik China befreit. 1956 erfolgte die Gründung eines Vorbereitungskomitees für die Gründung des Autonomen Gebietes. Im Jahr 1959 wurde die demokratische Reform im ganzen Gebiet durchgeführt und somit der Feudalismus in Tibet beseitigt. Die offizielle Gründung des autonomen Gebietes war im Jahr 1965. Seitdem hat sich in Zusammenarbeit mit der Zentralregierung und der Bevölkerung des ganzen Landes das Bild im autonomen Gebiet völlig verändert. Momentan befindet sich das autonome Gebiet Tibet in seiner besten Zeit seiner Geschichte. Die Wirtschaft und die Gesellschaft haben sich sehr gut entwickelt. Es herrscht hier eine Solidarität zwischen verschiedenen Nationalitäten, sowie eine sichere Situation an der Grenze. Der Lebensstandard der Bevölkerung hat sich auf gigantische Weise erhöht.”
Seine Argumente untermauerte Nyima Tsering mit Zahlen aus dem Jahr 2006. Das Bruttoinlandsprodukt habe mehr als 29 Milliarden Yuan und dessen Zuwachsrate 13,4 Prozent betragen. Das Jahreseinkommen der Bauern und Hirten konnte auf durchschnittlich 2.435 Yuan (etwa 250 Euro) erhöht werden. Stadtbewohner würden 8.900 Yuan durchschnittlich verdienen. Sämtliche Schichten konnten ihre Einkommen erhöhen – “inklusive mir”, so sein Zusatz.

Faktoren für die Aufwärtsentwicklung sind klar. Die Eisenbahn führt seit 2006 von Beijing nach Lhasa, der Flughafen in der Nähe von Lhasa ist seit 2006 für den Luftverkehr freigegeben. Landstraßen werden ausgebaut, bündeln sich in der tibetischen Hauptstadt und reichen auch nach Indien: “Wir können ganz stolz sagen, dass wir über sehr günstige Verkehrsverhältnisse verfügen.” In den nächsten drei Jahren soll die Eisenbahnstrecke bis nach Xigatse ausgebaut werden. Auch die Lebensumstände würden sich verbessern. Zahlreiche Tibeter zogen in neue Wohnungen ein, die medizinische Versorgung bessert sich: “Dies alles kann die Bevölkerung auf das sozialistische System chinesischer Prägung zurückführen.”
“Soeben habe ich Ihnen das neue Bild des autonomen Gebiets Tibet präsentiert. Zusätzlich möchte ich Ihnen einen Überblick geben: Die Gesamtfläche des Gebiets beträgt 1,22 Millionen Quadratkilometer. Die Einwohnerzahl im vergangenen Jahr betrug 2,8 Millionen. Es befinden sich insgesamt sieben Städte in Tibet. Die durchschnittliche Seehöhe im Gebiet liegt etwa bei 4.000 Meter über dem Meeresboden.”
In seinen nächsten Punkten ging er auf die reichlichen Ressourcen ein, die das Land zu bieten hat. Er beschrieb Täler, Flüsse, Steppen, Wälder und schwärmte vom blauen Himmel, weißen Bergen, üppigen Wäldern, schönen Blumen, klarem Wasser, grünen Steppen, zahllosen Schafsherden und reichlichen Bodenschätzen. Tibet sei ein beliebtes Reiseziel für Maler und Künstler.

Tourismus sei das Zugpferd von Tibet. Es gäbe vielfältige und einzigartige Ressourcen, die diese unvergleichliche Überlegenheit in Bezug auf andere Teile Chinas darstellen. Die tibetische Bevölkerung sei sehr gastfreundlich und fleißig. Es bestehe ein großes Potential für die weitere Entwicklung Tibets – waren im Jahr 2006 noch 2,5 Millionen Touristen gezählt worden, erhoffe er sich für 2007 3,5 Millionen. Vor allem auch, weil die tibetische Kultur gewahrt bleibe. Die Autonomieregierung Tibets “[...] wird auch von der tibetischen Bevölkerung sehr begrüßt”, so der Vize-Regierungschef. Ein überwiegender Teil der tibetischen Regierung sowie die Abgeordneten des ständigen Ausschusses im Volkskongress seien Tibeter. Amtssprachen seien chinesisch als auch tibetisch. Wichtige Dokumente werden zweisprachig veröffentlicht.

Das Gespräch ging dem Ende zu. Ein paar Fragen wurden beantwortet, deren Antwort jedoch auch wieder auf das bereits Erwähnte zurückzuführen war. Beim Verlassen des Gebäudes ging es vorbei an Schautafeln zufriedener Tibeter sowie einer großen chinesischen Flagge. Wie sehr die Volksrepublik das Land Tibet wirklich beeinflusst bzw. mit welchen Auswirkungen in den nächsten Jahren im autonomen Gebiet zu rechnen sei, blieb unklar. Die chinesische Ein-Kind-Politik beispielsweise scheint jedoch trotz der anfänglichen Formel 1-2-3 doch noch nicht ganz so streng genommen zu werden: Ein Kind für Han-Chinesen, zwei Kinder für tibetische Beamte und drei Kinder für Bauern und Hirten. Letztere hätten durchaus fünf bis sechs Kinder, so der Vize-Regierungschef.
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