Im Schritttempo fährt der Bus durch das große Tor. Männer und Frauen gehen ihrer Wege, führen ihren Hund mit und schieben Kinderwägen. Ein dunkelgrauer Volkswagen parkt neben einem Haus.

Dayingcun nennt sich das Vorzeigedorf im Pekinger Bezirk Tongzhou. Seit zehn Jahren ist dieser Bezirk ein Teil Pekings – seinen Namen verdankt er seiner geographischen Lage. Es ist ein “Ort zum Durchreisen” in die Hauptstadt Chinas. Im Rathaus des 1.200-Seelen-Dorfes wartet bereits der örtliche Sekretär des Parteikomitees auf den Besuch aus dem Westen.

Herr Zhan Baoguang übt diese Funktion bereits 27 Jahre aus und ist seiner Partei, der Kommunistischen Partei der Volksrepublik China (KPCh) treu geblieben. Die Dekoration im Haus weist nicht nur durch ihre rot-gelbe Farbe und die Fotos wichtiger Staatsmänner auf Loyalität gegenüber der großen Regierung hin.

Herr Zhan, so sagt er selbst in seinem durch eine dominierende Parteifahne geschmückten Konferenzraum, muss sich darum kümmern, die politischen Maßnahmen im Dorf durchzusetzen. Demokratie wird in diesem Dorf geübt – der Bürgermeister, der die Aufgabe erfüllen muss, die Angelegenheiten des Dorfes zu regeln, wird von den Bewohnern alle drei Jahre gewählt. Dennoch sind alle der Zentralregierung in Peking zu hohem Dank verpflichtet – schließlich wurde in der Vergangenheit viel in dieses Vorzeigedorf investiert.

Galt früher die Landwirtschaft als einzige Einkommensquelle, sind es nun auch die Industrie und der Tourismus. Das Pro-Kopf-Einkommen der Dorfbewohner zählt zu den höheren des Bezirks. Eine Druckerei und eine Binderei sorgen für Arbeitsplätze – sogar Zuwanderer finden hier Arbeit. Touristen aus dem Stadtzentrum Pekings kommen oft hierher, um an ihren freien Tagen hier ihren Urlaub zu verbringen. Auch internationale Gäste aus bisher über 130 Ländern haben diesen Ort schon besucht – zum Jahreswechsel kam eine Familie aus Afrika urlauben.

Themengärten sollen in Zukunft noch mehr Touristen anlocken und das Dorf zu einem attraktiven Urlaubsort mit guter Verkehrsanbindung an die Autobahn verwandeln. Das Einkommen der Bewohner soll sich dadurch innerhalb von drei Jahren verdoppeln. Wachsende Zahlen sind in Dayingcun beliebt – abgesehen von der Familienstatistik, denn auch hier gilt weiterhin die Ein-Kind-Politik.

Im örtlichen Bauernhof (ein Privatunternehmen) befinden sich derzeit 50 Kühe – nächstes Jahr sollen es 200 werden. Die gewonnene Milch wird an die Bewohner verkauft und auch an die Molkerei abgegeben. Der rund 80 Hektar große Ackerboden ist nahrhaft, nicht nur für Jungpflanzen und Gemüse. Strohlieferungen sollen den Bedarf der wachsenden Kuhherde sättigen. Früher, so der Sekretär des örtlichen Parteikomitees, lag der Grundwasserspiegel bei 20 Meter. Heute ist dieser auf 30 Meter gesunken. Wasser spielt in diesem Dorf eine besondere Rolle. So errichtete im Jahr 2004 die österreichische Firma BAAS Kläranlagen eine vollbiologische Klein-Kläranlage – eine “Steinwollefilteranlage im Baukastensystem”, die “ohne Einsatz von elektrischer Energie und ohne wartungsintensive mechanische Einrichtungen” arbeitet. Dank der österreichischen Installation wachsen nun auch künstliche Pilze aus dem Boden.

Wer sich neben den 400 Haushalten selbst ein Haus kaufen möchte, ist willkommen, doch wird neben dem Haus nur ein Benutzungsrecht des Grundstücks für 70 Jahre erworben. Der Staat bleibt Besitzer von Grund und Boden.

Einmal in der Woche trifft sich der Sekretär mit dem Bürgermeister, um über wichtige Sachen zu diskutieren. Probleme scheint es hier offiziell keine zu geben. Das Dorf ist nicht außergewöhnlich abgesperrt – das Eingangstor ist nur “Dekoration”. Herr Zhan spricht von einem reichlichen, kulturellen Leben mit viel Unterhaltung. Eine Bibliothek sorgt für Lesestoff, ein Spielplatz ist Treffpunkt für Jung und Alt, Gymnastik im Freien ist jeden Abend angesagt, drei Gasthäuser bewirten die Bewohner und einmal im Monat findet eine kollektive Aufführung statt.

Aufklärungsprogramme sollen regelmäßig für ein gesundes Leben und den Umweltschutz informieren, und wer Senior, Schüler, Student, schwerkrank oder behindert ist, bekommt Geld vom Kollektiv. Nach zwei Stunden verlässt der Bus dieses Dorf. Im Rückspiegel sind rollstuhlfahrende Menschen, spielende Kinder und turnende Senioren zu sehen. Das Parteilogo ist an vielen Schildern der Häuser angebracht. Es scheint fast ein Ort einer großen Inszenierung zu sein.

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