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Die Welt von gestern
27. März 2009

Vor hundert Jahren sah die Welt ganz anders aus. Fakten, Fotos und Zusammenhänge aus dieser Zeit werden zwar über Geschichtsbücher der heutigen Generation vermittelt, doch bei diesen kollektiven Erinnerungen fallen individuelle Erzählungen durch das Gitter der Vergessenheit. Dabei können persönliche Lebensgeschichten sehr zum Verständnis des vergangenen Jahrhunderts beitragen, auch wenn es nur Einzelperspektiven sind. Stefan Zweigs Autobiographie “Die Welt von Gestern”, geschrieben im Exil während des Zweiten Weltkrieges, ist diesbezüglich eine wirklich großartige Bereicherung.

Aufwachsen in einer Welt der Sicherheit

Der jüdische Schriftsteller wurde in eine “Welt der Sicherheit” geboren, eine kalkulierbare Welt der Monarchie, die sich zur besten aller Welten zu entwickeln schien. Wien war ein multikulturelles Zentrum, eine Stadt zum Genießen und mit seinen Kaffeehäusern, in denen internationale Zeitungen gelesen werden konnten, ein Ort der Bildung. Während der Optimismus für die kommende Zukunft dominierte, lebten die Menschen selbst noch in der Vergangenheit. Die Geschwindigkeit der neuen Erfindungen wie Automobil oder Telefon habe sich, so Zweig, noch nicht auf den Menschen übertragen. Junge Männer versuchten alt auszusehen und ließen sich Bärte wachsen. Frauen wurden bis zur Hochzeit von Gouvernanten beschützt und ihre Kleidung glich am ehesten noch “Ritterrüstungen”.

Weltkriege unter blauem Himmel

Auf 500 Seiten beschreibt Zweig geschichtliche Momente, die mir in dieser Weise noch nie vermittelt wurden. So waren es warme, sonnige und farbenfrohe Hochsommertage an denen der Erste als auch der Zweite Weltkrieg begann – und keine kalten, schwarzweißen Regentage, wie man annehmen könnte. Blickten die Menschen noch mit naiver Zuversicht und einer romantischen Brille in den Ersten Weltkrieg, nach einer langen Zeit des Friedens, so war es pessimistischer Gehorsam, der sie in den Zweiten Weltkrieg führte. Zweig sieht vor allem die Nationalitätenkonflikte, die sich vor allem über Zeitungen erhitzten, als Auslöser für den Ersten Weltkrieg, während der Zweite Weltkrieg durch die massenhafte Sehnsucht nach Ordnung zum Ausbruch kam.


Machtergreifung Hitlers schien unrealistisch

Hätten die Menschen von damals den Zweiten Weltkrieg und dessen schreckliche Folgen verhindern können? Zweig, selbst ein Zeitzeuge dieser Jahre, sieht das Problem dabei, dass die Menschen damals die Anfänge großer Bewegungen einfach nicht erkannten oder unterschätzten. Es galt vollkommen als unrealistisch, dass ein Adolf Hitler, der nicht einmal die Bürgerschule fertig machte, so viel Macht an sich reißen könnte. Auch als Hitler deutscher Kanzler wurde, sah man ihn nur als kurzfristigen Platzhalter. Doch der Nationalsozialismus breitete sich “in kleinen und immer stärkeren Dosen” aus.

Historische Momente live

Zweig berichtet in seinem Buch immer wieder von der Situation, in den Lauf der Geschichte eingebettet zu sein. Er sah 1919 den per Zug in die Schweiz flüchtenden Kaiser Karl, wo unter den Anwesenden am Bahnhof an der Grenze Begräbnisstimmung herrschte – schließlich ging mit der Flucht des Kaisers eine jahrhundertelange Zeit der Monarchie zu Ende. Zweig war 1934 in Wien als der Bürgerkrieg der Heimwehren in der Stadt tobte, doch merkte er auf den Straßen nichts davon und ging sogar ins Kaffeehaus. Ausländische Medien wussten mehr über die Vorgänge zu erzählen als er vor Ort.

Unvorstellbare Inflation

Dramatisch sind auch die Schilderungen, als Österreich in der Zwischenkriegszeit mit einer galoppierenden Inflation zu kämpfen hatte. Geld war keine Option mehr und die Stadtmenschen tauschten ihre Besitztümer gegen Lebensmittel ein. Da eine Mieterhöhung untersagt wurde kostete ein einziges Mittagessen mehr als die Jahresmiete einer Wohnung. Österreich lebte, so Zweig, zehn Jahre beinahe umsonst. Englische Arbeitslose konnten sich Aufenthalte in Salzburger Luxushotels leisten, Touristen aus Deutschland fuhren zum Biertrinken über die Grenze nach Österreich.

Kosmopolit ohne Reisepass

Stefan Zweig beschreibt in seiner Autobiographie natürlich auch die Treffen mit zahlreichen Persönlichkeiten wie Rainer Maria Rilke, Goethes Enkelin oder Sigmund Freud. Er konnte sich dank seiner publizistischen Erfolge zahlreiche Reisen finanzieren und wurde damit zum Kosmopolit. Seine Reiseziele lagen in Europa, Indien, Nord- und Südamerika. Er sah die Welt, und da er stets auf Reisen war, fiel ihm das Abschiednehmen nicht mehr so schwer. Erst mit dem Verlassen Europas könne man den Kontinent begreifen, so Zweig. Doch mit dem Zweiten Weltkrieg wurde er staatenlos und hatte keinen Reisepass mehr. Die Zeiten haben sich geändert – die Welt von Heute sieht ganz anders aus. 1942 starb Zweig im Exil in Brasilien, zwei Jahre später wurde diese Autobiographie veröffentlicht.

Zweig, Stefan (2006) [1944]: Die Welt von Gestern. Erinnerungen eines Europäers, Fischer: Frankfurt am Main.

Rückblick

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