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Misthaufen Österreich
26. Mai 2009

Ein kontroverses Drama war es, das Stück “Heldenplatz” von Thomas Bernhard. Der damalige Bundespräsident Kurt Waldheim hielt es für eine “grobe Beleidigung des österreichischen Volkes” – nicht nur, weil er selbst darin als verlogener Banause bezeichnet wurde. Jörg Haider, damals im Aufwind der FPÖ, über Bernhard: “Hinaus mit diesem Schuft aus Wien!” Im Jahr 1988 waren nur jüngere Leute und Menschen mit einem hohen Bildungsniveau Umfragen von damals zufolge der Aufführung dieses Stückes in Wien positiv eingestellt. Zeitungen wie die Kronenzeitung druckten entsetzt Passagen aus dem Stück ab, ohne jedoch darauf hinzuweisen, dass es sich dabei um Zitate der Figuren aus dem Stück handelte. Österreichische Zeitungen würden nur Unrat schreiben, stand da, und sie seien primitive “Dreckblätter”, österreichische Zeitungsredaktionen seien “skrupellose parteiorientierte Schweineställe” und auch die Kronenzeitung kam in diesem Zusammenhang im Stück vor. Das echte Entsetzen blieb jedoch aus, das der Protagonist im Stück sofort erkennt: Das Traurige dabei ist, dass die Österreicher diese diese sensationsgierigen Zeitungen auch lesen.

“Heldenplatz” ist eine schaurige Momentaufnahme, die Thomas Bernhard gekonnt 50 Jahre nach dem Anschluss 1938 in Szene gesetzt hat. Das Stück dreht sich um die Angehörigen eines jüdischen Professors, der aus Österreich vor dem Nationalsozialismus flüchten musste, wieder zurückkehrte und nun im Jahr 1988 Selbstmord beging. Er hatte keine gute Beziehung zu Menschen, betrachtete alle bis auf seinen Bruder als Untermenschen, war pessimistisch und grantig, aber penibel beim Zusammenlegen der Hemden. In Wien, wo er lebte, sei es heute “schlimmer als vor fünfzig Jahren”, habe der Professor immer gesagt. Im gesamten Stück werden stets Zitate des alten Professors genannt. Heute wären mehr Nazis in Österreich als 1938, und es würde nur mehr eine katholische oder eine nationalsozialistische Einstellung geduldet werden, waren noch einige seiner Worte. Der Professor fand die parteipolitischen Besetzungen vieler Posten im Land unerträglich. Sein Bruder Robert nahm all das hin. Selbst als durch seinen Garten am Land eine Straße gebaut werden sollte, protestierte er nicht dagegen, um nicht mit dem Bürgermeister “auf Kriegsfuß” zu stehen und weil es seiner Meinung nach sowieso nichts nütze sich zu wehren. Alle würden sich in Österreich ununterbrochen über etwas aufregen, so Robert, doch niemand protestiere dagegen. Im Buch kommen Kirche, Industrie, Politik, Sozialisten und die Kultur in Österreich ganz und gar nicht gut weg. Österreicher würden nichts mehr hören und nichts mehr lesen – sie seien selbst dem Selbstmord nahe. Eine reine Verlogenheit herrsche in Österreich, die Wirklichkeit sei so schlimm, dass sie nicht beschrieben werden könne. Auswandern und nie wieder nach Österreich zurückkommen oder der Friedhof, das sind zwei Exitstrategien, die im Buch dargestellt werden. Wie das mit Österreich heute so ist, kann jeder selbst entscheiden, eine Bereicherung ist der Text allemal. Wem beim Lesen so wie mir fröstelt, scheint zumindest eine Prise an trauriger Wahrheit in diesem lesenswerten Stück gefunden zu haben.

Bernhard, Thomas (1995) [1988]: Heldenplatz, Suhrkamp Verlag: Frankfurt am Main.

Rückblick

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