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Strache redet das Blaue vom Himmel
4. Juni 2009

Mit den Worten “Die Stunde der Abrechung” überreichte der französische Premier Clemenceau im Frühling 1919 die Friedensbedingungen an die deutsche Delegation. 90 Jahre später antwortet die FPÖ darauf und plakatiert im Rahmen der Europawahlen 2009 den “Tag der Abrechnung”. Bei der Schlusskundgebung am Viktor-Adler-Markt in Wien-Favoriten spielt die John-Otti-Band auf. Die Kundgebung wird auch über Internet übertragen. Die Sänger versuchen der müden, wartenden Menge Emotionen zu liefern: “Und jetzt die Hände zum Himmel!” Meist deutschsprachige Bierzeltsongs erklingen, Menschen schunkeln mit. Einige von ihnen tragen ein blaues FPÖ-Kapperl oder eines mit dem österreichischen Bundesadler.

“Zickezacke zickezacke”

Der Himmel sei so schön blau, knallt der Sänger in das übersteuerte Mikrofon. Wenige Minuten später kommen Wolken. Eine große Familie sei hier zusammengekommen. “So, jetzt die rechte Hand rauf.” Kurze Pause. “Jetzt die linke. Nein, bleiben wir bei der rechten”, spricht der Bandleader durchs Mikro. “Zickezacke zickezacke” gefolgt von der “schönen blauen Donau”. Ja, der blaue Himmel, der blaue Himmel. “Und wir warten auf H.C. – und jetzt alle H.C., H.C., H.C.”. Die FPÖ-Kameras schwenken auf die Menschen mit hochgestreckten Händen. “Einer für alle, alle für einen.” Und der Sänger weiter: “Das ist eine Stimmung hier wie zu Zeiten …” – die Live-Übertragung bricht ab. Erst nach einigen Sekunden mit schwarzem Bild geht es wieder weiter. Songtitel wie “Ein Stern, der deinen Namen trägt” und “Crazy music for crazy people” erklingen. Verrückte Musik für verrückte Menschen also.

Quiekende “Glücksschweinchen”

Aus den Lautsprechern dröhnt es: “Ich hör nichts… hey, hey, hey, hey,…”. Der FPÖ-Politiker Villimsky tritt auf die Bühne: “Der Himmel war schwarz, aber blau hat sich durchgesetzt.” Sofort kündigt er an, dass Österreich österreichisch bleiben wird, und dass auch der Viktor-Adler-Markt der Viktor-Adler-Markt bleiben wird – ein Platz, benannt nach einem Begründer der sozialdemokratischen Arbeiterpartei. Ja aber die “linken Rabauken da hinten”, die Vilimsky sieht, deren Pläne will er verhindern. Überall sollen sie hinschauen, die Zuhöher der “Völker Europas”. “Schauts nach England”, wo Politiker über Steuergeld Pornofilme kaufen würden, “schauts euch an, die heutigen Zustände”, wo österreichische Würstelstände den türkischen Kebapbuden gewichen seien. Vilimsky streut kreuz und quer leeres Gerede in die Menge: “Ich höre hinten unsere roten Freunde pfeiffen. Sie sind so etwas wie unsere Glücksschweinchen, immer wenn sie laut quieken sind die Wahlerfolge der FPÖ besonders groß”. Zeit für FPÖ-EU-Kandidat Mölzer, der auf die Plakate “Abendland in Christenhand” einsteigt.

“Unglaubliche Hetze”

Ganz Österreich habe auf einmal über die FPÖ zu diskutieren begonnen, eine “unglaubliche Hetze” werde gegen die FPÖ gefahren – wie, und da greift Mölzer zurück in die Geschichte, bei Waldheim und den EU-Sanktionen. Das arme Österreich – hat er zwar nicht direkt so gesagt, klang aber so. Nein zu Türkei, ja für eine stärkere Polizei – “Die Polizei ist das Opfer”, wegen den “linken Gewalttätern”, so Mölzer. Eine “friedliche, harmonische Gesellschaft” wünscht er sich und will den “Mächtigen einen Denkzettel verpassen”. So in etwa klingen die Forderungen des FPÖ-Kandidaten, der sich für einen Sitz im europäischen Parlament bemüht.

Weniger Steuern an den Staat, mehr Geld vom Staat

Zeit für Musik: “Seids guat drauf? Seids scho müde? Wo san die Hände?”, “H.C., H.C., I hear nix. Wo san die Wiener? Wo san die Niederösterreicher?” Fragen über Fragen, die nur ein weiteres Mal die Musik “Ein Stern, der deinen Namen trägt” beantworten kann. “Wo sind die Damen? Wo sind die Männer?”. Und dann tritt der braun gebrannte Mann in schwarzer Jacke, in grauem Pullover mit V-Ausschnitt und lilaweiß-kariertem Hemd auf die Bühne. Strache, ein Politiker ohne Anzug und Krawatte. Im Hintergrund stehen ein paar junge Buben in blauen Poloshirts und schwenken weiße Fahnen der RFJ. Ja auch Strache sieht “Hetzkampagnen” von diesen “Roten und linken Nestbeschmutzern”, Beifall im Publikum, die Live-Übertragung kommt ins Stocken. Strache holt aus, glaubt, dass die Österreicher gemeinsam gelitten hätten, dass sich trotz teuren Neuwahlen nichts geändert hätte. SPÖ und ÖVP würden nicht nur kuscheln, sondern auch “füßeln” und hätten “unsere Probleme” nicht ernst genommen. Populismus pur. Nach Straches Plan soll der Staat weniger Steuern verlangen, damit der “arbeitenden Bevölkerung” “mehr Geld im Geldbörserl” bleibe, und gleichzeitig mehr für sie ausgeben. Eine Rechnung, die nicht aufgehen kann, auch wenn Strache Geld durch Einstellung des österreichischen EU-Mitgliedsbeitrags und der Entwicklungshilfe ein paar Euro kurzfristig hereinbekommen möchte. Beträge, die er gerne streichen möchte, wandelt er auch in die “alte Währung” Schilling um.

Stiftungsmillionäre vs. Häuslbauer

Die bösen Großunternehmer, die Stiftungsmillionäre, die Manager gegen die braven kleinen Bürger, Häuslbauer und Kleinunternehmer. Schnell wird die EU thematisiert, schließlich ist es auch ein EU-Wahlkampf. Die EU sei ein “Teil dieser Fehlentwicklung” und der “Kopf des Globalisierungswahnsinns”. Es brauche einen “dritten Weg”. Doch Strache schweift zurück nach Österreich, zum “Giebelkreuzregime des Herrn Konrad”, zu Raiffeisen, das den Bauern Geld abzockt und über Zeitungsnetzwerke die Presse manipuliere. Den Raiffeisen-Chef bezeichnet Strache sogar als “Giebelkreuzdiktator” und beschwert sich einige Minuten später wieder über die “Hetzkampagne gegen die FPÖ”. “Mehr regional statt global” ist seine Devise, die Kultur verteidigen möchte er auch – wie das Amen im Gebet folgt das Nikolausverbot in seinem Redetext. Und wieder zurück zu den Beschimpfungen, die die FPÖ ertragen müsse. Der Himmel weint mittlerweile, ein leichter Regen stellt sich ein. Der umstrittene dritte Nationalratspräsident Graf hat einen Gastauftritt auf der Bühne, erhält ein “Wir stehen zu dir” von Strache, die Menge jubelt, und er verschwindet so schnell wie er gekommen ist. Die Buben im Hintergrund kauen ihren Kaugummi, die Rede hat mittlerweile schon mehr als eine halbe Stunde gedauert. Doch Strache ist noch nicht müde: “Die SPÖ sollte sich schämen, sie schadet Österreich mit ihrem Verhalten” und die “Entwicklungen erinnern an autoritäre Zeiten”. Strache weiter: “Man will uns offenbar zu den Verfolgten der Neuzeit machen”. Und die Jugend, die angepöbelt werde, “weil sie Österreicher sind”. Strache: “Ich stelle mich schützend hinter unsere österreichische Jugend.” Strache korrigiert das und stellt sich im nächsten Satz vor die Jugend. Ausländer. Das Thema darf in der FPÖ nicht fehlen: “Wir wollen anständige Bürger in Österreich”. Sogar das Wort “Menschenrecht” fällt kurz darauf, als er es “für alle Völker auf dieser Erde” einfordert. Und er werde jedem Volk auf dieser Erde beistehen, dem unrecht getan werde. Strache glaubt nun selbst, der blaue Superman seines umstrittenen Comics zu sein.

“Europa der Vaterländer”

Aber nein, die EU ist nicht Europa – er träumt von einem “föderalen Europa der Vaterländer”, ohne Marmeladeverordnungen, Glühbirnenvorschriften, Rauchverboten. Auch der Begriff “Fräulein” dürfe nicht verboten sein, so Strache. Das solle der ORF jetzt alles mitfilmen, spricht Strache ins Mikrofon als es um FPÖ-Abstimmungsgeschichte geht. Die anderen Parteien seien “Pharisäer”. Generell verwendet Strache nun wiederholt Begriffe, die er immer wieder für bestimmte Parteien einsetzt: “Die Soletti, die Orangen, wie immer dabei”, “Wir, die einzigen Österreich-Vertreter”, die Grünen, “die die Heimat am meisten verachten”. Zurück zur Exekutive, Strache dreht sich wiederholt im Kreis, sie werde im Stich gelassen. Und es sei nicht sicher, ob “unsere Wohnungen leer vorgefunden” werden, wenn wir jetzt nach dieser Veranstaltung nach Hause gehen. Ja und Ägypten ist auch kein Teil Europas. Der Kaugummi des Buben im Hintergrund ist schon zäh, der andere Fahnenträger gähnt in die Kamera. Dann doch auch wieder “H.C.”-Rufe aus dem Publikum. “Wir haben Partner in der Welt”, geht es weiter. Ja und die Roten und die Schwarzen, die nichts mehr mit ihren ursprünglichen Ideologien zu tun hätten, und die Kommunisten. Der “Tag der Abrechnung”. Der Bub mit Fahnenstange im Hintergrund checkt seine empfangenen SMS. “Glück auf!”, und Straches Rede ist nach fast 1,5 Stunden vorbei.

Bundeshymne mit Hitler-Gruß

Die österreichische Bundeshymne erklingt. Land der Berge. Die FPÖ-Kamera filmt in die Menge, die die Hände hebt. Ein nationalsozialistischer Hitler-Gruß ist darunter. Der selbstgesungene EU-Rap von Strache untermalt die folgenden Bilder von jubelnden Menschen. Eine Minute später unterbricht Strache sein Österreich-Fahnenschwenken und distanziert sich von den erhobenen rechten Armen. Vorbei ist die Schlusskundgebung der FPÖ. Doch nur für heute.

Rückblick

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