Genau eine Woche vor dem Heiligen Abend beschloss ich, Wien wieder etwas genauer kennenzulernen, und besuchte den Friedhof St. Marx. Das Wetter war für diesen Ausflug genau richtig – es war kalt, die Temperatur pendelte um den Gefrierpunkt, die Stadt war mit frischem Schnee und hellgrauen Wolken zugedeckt. Ohne Schnee wäre es noch viel dunkler gewesen.
Friedhof für 90 Jahre
Der St.-Marx-Friedhof ist der letzte Biedermeier-Friedhof der Welt, steht unter Denkmalschutz und ist nun als Parkanlage für die Öffentlichkeit tagsüber zugänglich. Von 1784 bis 1874 wurde diese von Ziegelmauern umschlossene Anlage als Friedhof genutzt – nach der Errichtung des großen Zentralfriedhofes folgte dessen Stillegung.
Ruhestätte mit Straßenlärm
Das Wort “Stillegung” ist jedoch nicht ganz korrekt, denn genau daneben verläuft eine der Hauptverkehrsadern Wiens – die Südosttangente. Meterhohe, dicke Betonsäulen stützen die Brücke der pulsierenden A23, und dominieren durch Größe und Geräusch den südlichen Teil des Friedhofes. Das jedoch gibt dem Ganzen eine besondere Eigenschaft, die durch die angrenzenden grauen Gemeindebauten, Baustellen und Autohändlerhallen unterstützt wird, aber meiner Meinung nach nicht als negativ zu bezeichnen ist. Schließlich befindet sich dieser Park noch mitten in einer Millionenstadt, das geht halt nicht anders.
Katzenpfoten in den Seitengassen
Aber kahl ist der Friedhof nicht, im Gegenteil: Hunderte Bäume und Sträucher sind über die gesamte Anlage verteilt. Jetzt im Winter schweben die vielen sich verzweigenden Äste über den Gräbern, im Frühling blüht der Flieder, im Sommer funkeln grüne Dächer und im Herbst fallen bunte Blätter. Teilweise sind auch im Dezember noch grüne Flecken zu sehen, auch wenn sie von Schneeflocken etwas angezuckert sind. Da es keine winterliche Wegbetreuung gibt, sind die schmalen Wege durch die Grabstein-Reihen vom Schnee nicht freigeschaufelt. Doch da merkt man, dass hier nicht viele Besucher vorbeikommen – maximal eine Person pro Stunde trifft man an. Nur auf den Hauptrouten ist der Schnee von Fußabtritten zusammengedrückt, “Seitengassen” haben höchstens Katzenpfotenabdrücke. Manchmal traut man sich gar nicht, einen “neuen” Weg im Schnee anzufangen, denn einige Augen sind immer auf Gäste gerichtet. Die schwarzen Krähen, über den ganzen Friedhof verteilt, sitzen auf den Bäumen und kommunizieren untereinander – manchmal von Vogelgezwitscher der Kohlmeisen untermalt.
Grabsteine in Bewegung
Am Eingang ist ein Schild mit einem Lageplan und einer Namensliste aufgestellt. Aufgeschlüsselt nach Berufen finden sich hier prominente und unbekannte Personen vereint. Komponisten, Industrielle, Kupferstecher, Nonnen, Offiziere – das sind nur einige Berufsgruppen der Tafel. Die Grabsteine sind reihenweise in einer Linie aufgestellt, außer wenigen Ausnahmen sind die Gräber nicht eingezäunt. Während an einigen Grabstellen nachdenkende Engel und betende Heilige stehen, sind andere ganz schlicht und einfach gehalten. Manche Grabsteine haben bereits das Gleichgewicht verloren und liegen zerbrochen auf dem Boden, die steinernen Statuen werden von der Zeit zerbröselt.
“Unvergesslich”
Besonders interessant ist es, die Inschriften zu lesen und sich Gedanken über die Personen zu machen. Der Grabstein von Frau Winter ist mit Schnee zugedeckt, die Schrift des Hofbuchhalters entspricht genau der Norm, das Grab des Oberleutnants nähert sich immer mehr der perfekten Tarnfarbe, der Grabstein der 20-jährigen Gattin des Schokoladefabrikanten ist schön verziert. Sprüche wie “still und einfach war ihr Leben, treu und thätig ihre Hand. Ruhig ihr hinüberschweben in das beste Vaterland” oder große Worte wie “Unvergesslich” oder “Wiedersehen” können Besucher noch sehr gut erkennen.
Mozart
Das berühmteste, bunteste, aber auch einsamste Grab des St.-Marx-Friedhofs gehört dem Komponisten Wolfgang Amadeus Mozart. Österreichs berühmtester Musiker wurde hier 1791 in einem Armengrab beigesetzt. Lange Zeit war der Ort seines Grabes nicht bekannt, erst 1855 wurde dessen Lage mit “größter Wahrscheinlichkeit” festgestellt.
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Hyde Park People
31. Oktober 2002
Es ist Mittagszeit. Während die einen auf einer robusten Holzbank in die wohlverdiente Traumwelt verfallen, stellen sich im Hydepark die Leute auf, die etwas “zu sagen” haben. Viele Besucher tummeln sich auf der riesigen grünen Lunge der Stadt – es findet hier jeder der mehr als sieben Millionen Londoner Ruhe.
Wo Tradition und Meinung zählt
Doch was hat ein einzelner Londoner in so einer Riesenstadt zu sagen, und wer hört einem zu? Dafür wurde die “Speakers Corner” am nordöstlichen Teil des zentral gelegenen Parks eingerichtet. Angeblich seit mehr als 150 Jahren werden hier Reden abgehalten. Vor einer grünen Blätterkulisse und bei frischer Luft versammeln sich erzählende sowie zuhörende Menschen. Erzählen kann jeder etwas. Eine laute Stimme (es werden keine Mikrofone verwendet) und das richtige Thema vorausgesetzt, wird man mit einem zahlreichen und interessiert zuhörendem Publikum belohnt.
Religion
Hauptdiskussionsthema ist vor allem die Religion. Wenige Meter voneinander entfernt erzählen Islamisten von Mohammed, Juden von der Tora und Christen über Kreuze. Selten werden einem auf so kompaktem Raum die unterschiedlichen Glaubensansichten präsentiert. Um Aufmerksamkeit zu erregen verwenden einige Schlagworte wie “Christian Atheism” oder “To Follow Jesus Reject God” mit weißer Kreide auf schwarze Bretter gezeichnet. Es ist nicht schwer, den Vortragenden von den Zuhörern zu unterscheiden. Oft unterscheiden sie sich visuell von den anderen, und wenn nicht, dann erkennt man sie daran, dass sie in der Mitte des Zuhörerkreises stehen.
Mehr und weniger
Doch die Besucher sind wählerisch. Kann ein Referent sein Thema nicht überzeugend vermitteln, bleibt seine Zuhöreranzahl klein. Nur wenige Sekunden bleibt jemand stehen, um sich dann schließlich mit dem nächsten abzuwechseln. Wer aber mit dem richtigen Stoff einheizt und damit hitzige Debatten führen kann, erntet eine riesige Traube voller neugierigen Menschen.
Scharfe Worte, sanfte Sätze
Dann ist es meistens so, dass der Vortrag zur Interaktivität wird. Wenn jemand aus dem Publikum anderer Meinung ist, gibt die Person dies auch laut und deutlich Preis. Da darf man sich nicht wundern, wenn einmal so richtig laut durch die Menge gebrüllt wird. Von diplomatisch bis emotionell reicht die Diskussionsart, aber schlussendlich wird jede Meinung akzeptiert. Niemand schlägt sich.
“I just rent them”
Vor einem niedrigen Zaun zur angrenzenden Grünfläche des Parks versammelt sich eine große Schar an Menschen. Schon von weitem wissen Neuankömmlinge, dass es sich hier um eine der hitzigeren Debatten handelt. Ein älterer weißer Mann mit weißem Hut sitzt auf einem zusammenklappbarem Hocker. Auf den Boden schauend sammelt er Energie und beginnt mit seinen Äußerungen wieder von vorne. Es geht um Frauen bzw. seine Einstellung zur Prostitution: “I didn’t buy women, I just rent them”. Dies ist natürlich neuer Stoff für den schwarzen Zuhörer, der es nicht mehr aushält und seine Meinung offen kundtut. Die Reaktion lässt nicht lange auf sich warten: “I don’t care”. Es geht ziemlich wild zu, der eine unterbricht den anderen. Als es dem alten Mann zu unangenehm wird, versucht er verzweifelt, den Spieß umzudrehen und fragt, wie viel denn der eine Mann aus dem Publikum für Frauen zahlt. Doch auch dieser Rettungsversuch schlägt fehlt und der Vortragende muss erfolglos aufgeben, denn seine Meinung kann niemand aus dem Publikum mit ihm teilen.
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Wenn Herbstblätter tänzeln
24. Oktober 2002
Das Schöne am Herbst sind die Spaziergänge durch städtische Parks. Auf von unzähligen Blättern bedeckten Wegen watet man durch raschelndes Laub und genießt die strahlende Sonne, die einem die nötige Energie an einem freien Nachmittag zuführt. Die Luft ist frisch und man kann so richtig tief durchatmen. Ein leichter Wind lässt ab und zu eine bunte Wolke an Herbstblättern von den Baumkronen tänzeln. In der Ferne wühlt ein kleiner Bub ganz energisch in einem Laubhaufen und wirft eine Handvoll Herbst in die Höhe. Die Blätter taumeln in Ruhe Richtung Boden. Dabei drehen sie sich um die eigene Achse und verbiegen sich etwas nach oben. Wie ein Pendel schwingend sinken sie tiefer und tiefer. Einige Bäume haben bereits all ihre Pracht verloren, doch viele strahlen noch in vollem Glanz. Ihre gelben Blätter werden von hinten durch die Sonne beleuchtet. Ein sich nach einer Prise Wind bewegendes Schattenmuster am Asphalt beruhigt. Von Laub zugedeckte Parkbänke geben der Atmosphäre im Park eine noch stärkere Wirkung. Schwimmende Ahorn-Blätter auf dem leicht welligen Wasser dienen Ameisen als Fähren zwischen zwei Ufern. Nichts kann die Herbstruhe stören. Wie schön kann doch so ein Herbsttag sein!
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Zitronensaurer Curry-Reis
28. Juli 2002
Ein Sonntag mitten im Juli in einer Großstadt. Ich sitze im Cafe Hummel in Wien auf einem weißen Sessel an einem weißen Tisch, der von einem gelb-weiß-karierten Tischtuch bedeckt ist. Ein leichter Wind bewegt die herunterhängenden Enden des Tuches wellenförmig hin- und her. Verblasen kann es das Tischtuch nicht. Dazu ist einerseits der Wind zu schwach, andererseits wird das Tuch von darauf stehenden Gegenständen fixiert. Ein Zuckerstreuer sowie ein Pfeffer-Salz-Zahnstocher-Set. Der Zuckerstreuer ist halb voll, es kleben einzelne Kristallstücke an der durchsichtigen Zuckerstreuerwand – ein Test bestätigt meinen Verdacht. Der Zucker ist zu feucht, um auf den ersten Schwung in die danebenstehende Kaffeetasse zu rutschen. Dafür zirkulieren Aschereste von früheren Zigaretten fröhlich und locker im Kreis, ohne in dem für sie eingerichteten Aschenbecher liegen zu bleiben.
Zwei Läufer vom Fernsehen
Rechts neben mir diskutieren zwei Herren in schwarzer Kleidung. Es dauert nicht lange, bis ich in ihr Thema eingeweiht bin. Die beiden sprechen über ein neues Projekt, das sie in nächster Zeit angehen werden. Es soll eine neue Fernsehsendung werden, die auf einem Privatsender ausgestrahlt wird. Sie reden über den Zeitplan, den sie einzuhalten haben, über die Sponsoren, die sie dafür auftreiben könnten, über die Dauer von An- und Abmoderation (Der eine zum anderen: “Schalten Sie zum nächsten Mal… zack, zack, zack, Nachspann und so”), über die Möglichkeit verschiedene Bundesländer in den Sendungsinhalt einzubeziehen.
Jeder hat mehrere Zettel vor sich liegen, einerseits Ausdrucke von E-Mails, andererseits leere, karierte Notizzettel, um Ideen und Ergebnisse festzuhalten. Inhaltlich soll es eine Art Wettbewerb werden, wo verschiedene Leute um die Zeit auf Laufbändern laufen. Einer möchte die Laufzeit als Sanduhr einblenden, der andere ist diesbezüglich etwas skeptisch bzw. hat er es sich einmal zumindest aufgeschrieben. Das ist aber nicht ihr einziges Problem, denn die erste Werbepause kommt ziemlich schnell (nach 14 min) und dauert dann schon ganze sechs Minuten. Weiters folgt der zweite Teil mit 20 Minuten, wird mit 6 Minuten unterbrochen, gefolgt vom letzten 14-Minuten-Teil. Und noch kniffliger wird es, da anscheinend noch ein Quiz mit vier Antwortmöglichkeiten dem Ganzen hinzugefügt wird. Weiters sollen die Leute in Paaren auftreten, die Seher Sympathien zu den antretenden Personen erhalten, die Sendung dramaturgisch dargestellt werden und es soll ein Zuschauer-Gewinnspiel geben. Eine harte Nuss also, die die beiden da zu knacken haben.
Durstiges Herrchen
Links neben mir ist gerade ein Tisch frei geworden. Ziemlich schnell hat der Mann sein zweites kleines Bier die Kehle hinunterfließen lassen. Er hatte es eilig, oder war genervt von dem anderen Herren am gegenüberliegenden Tisch, der schon mehr als eine halbe Stunde an seiner Pfeiffe nuggelt und wie eine Dampflok durch den Wind bedingt herüberqualmt. Der schwarze Hund vom Biertrinker war auch schon nervös, steckte seinen Kopf unter die Tischdecke und wartete auf Herrchens Befehl, endlich nach Hause gehen zu dürfen. Der Tisch ist leer – und die Kellnerin räumt die silberne Wasserschüssel des Hundes und das leere Bierglas des Herrchens weg.
Ausgezeichnete Presswurst
Doch lange bleibt er nicht leer, der Tisch an der schattigen Gastgarten-Ecke. Ein Mann in einem rosa Hemd setzt sich mit einem Buch an den Tisch. Der Kellner saust schnell heran und zählt ihm sogleich auf, was die Küche heute anbietet. “Wir hätten ein Speckbrot” – “Ist das Steak vom Rind oder vom Schwein?” – “Schweinssteak. Schön saftig, mit Curry-Reis, Kartoffeln” – “Curry-Reis?” – “Ja, Curry-Reis. Und Petersil-Kartoffeln” – “Aha, na dann schau ich noch”. Ein Mineral-Zitron gabs bei ihm zu trinken. Zu essen wurde es schließlich eine Presswurst mit Zwiebel. Diese Wahl bestätigt der Kellner mit einem “Ausgezeichnet” und verschwindet in der Küche. Nachdem sich der Gast sein Mineral ins Glas sprudeln lässt, wird ihm bereits das Besteck – eingewickelt in einer Serviette – überreicht.
Blättern durch das vielseitige Angebot
Bereits zum zweiten Mal geht in der Nähe eine Autoalarmanlage los und dominiert das ruhige Gemurmel des vollen Cafes. Kurze Töne auf und ab – unangenehm, nicht nur für die beiden Fernsehproduzenten, die sich auf ihr Produkt konzentrieren wollen. Bei dem Ehepaar vor mir ist es nicht so wichtig, da sie “nur” die Speisekarte studieren. Sie ist ganz konzentriert, er schaut nach jedem Seitenumblättern auf und in die Gästemenge. Wahrscheinlich weiß er schon, was er essen möchte und blättert einfach nur so durch, falls sich doch noch eine bessere Speise finden sollte. Nachschauen braucht der Gast links neben mir nicht – er bestellt sich ein zweites Mineral-Zitron. Recht hat er, denn bei diesem Wetter muss man viel trinken. Leider hat der Kellner zu viel Zitrone in das Glas gekippt, sodass das Mineral erst nach dem zweiten Nachgießen genießbar wird.
Familiäres Beisammensein
Der Tisch vor mir ist angeblich nur für Familien reserviert. Zuerst saßen zwei Eltern mit ihrem 16-jährigen Sohn, nun sitzen wieder andere Eltern mit einem noch viel anderen 20-jährigen Sohn am Tisch. Und immer sitzt der Vater rechts, die Mutter links und der Sohn in der Mitte. Und immer liest der Vater den Wiener Stadtplan, während die Mutter im bebilderten Reiseführer blättert. Der Sohn sitzt den zwei Parteien kommentarlos gegenüber und wartet gespannt, welches Ziel seine Eltern als nächstes wählen werden. Es dürfte sich um einen Zufall handeln, dass beide Söhne kurze helle Hosen und Brillen tragen.
Bezahlter Nachspann
Ich glaube, es wird Zeit, dass ich das Cafe verlasse. Die beiden Produzenten werden immer aggressiver, da sie immer mehr unterschiedlicher Meinung sind. Zahlen muss ich ein gemischtes Eis (mit drei Kugeln, wobei ich mich bei der Zitronen-Sorte so wie mein Nachbar etwas quälen musste), ein Glas Wasser (welches mir sehr behilflich beim Löschen des Zitronenbrandes war) und eine Melange (wo der übrig gebliebene Kaffeerest am Boden der Tasse bereits erstarrt ist). Wie bei einer Soap-Opera: Ich bin schon gespannt, was bei meinem nächsten Besuch passieren wird. Dabei ist es mir egal, wie “sauer” die Ereignisse wieder werden.
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Fliegende Ameisen
27. Juli 2002
Es sieht fast so aus wie der Parkplatz eines großen Einkaufszentrums vor Weihnachten, nur fehlen die Menschen. Tausende Autos, rechtwinklig eingeordnet in weißen Bodenmarkierungen, stehen herrenlos und unbenutzt auf einem asphaltierten Gelände. In mehreren Ebenen werden sie in nahegelegenen Parkhäusern zusätzlich verstaut. Doch die motorisierten Vehikel bleiben über Nacht an Ort und Stelle. Auch übermorgen und nächste Woche werden wenige Plätze frei. Die Besitzer sind weit weg, über den Bergen. Ja, sogar über den Wolken. Am Parkplatz des Wiener Flughafens bläst der Wind und es ist äußerst still.
Die Linzer Torte in Wien
Doch nicht weit entfernt stechen die langen Landebahnen aus dem Gras hervor. Sie sind teilweise wie Teigverzierungen einer Linzer Torte angeordnet. Auf ihnen landen Flugzeuge, fahren Shuttlebusse oder spazieren Menschen. Auf dem eigenen Straßennetz herrschen ähnliche Verkehrsordnungen wie außerhalb des umzäunten Bereiches, doch es ist hier problemlos möglich, ohne Autokennzeichen zu fahren.
Fleißige Ameisen
Zu Stoßzeiten geht es auf den Flughafenstraßen jedoch zu wie in einem Ameisenhaufen, in den man gefallen ist. Frachtcontainer gelangen in kürzester Zeit von A nach B. Busse befördern Passagiere vom Wartesaal zur Einstiegstreppe. Catering-Lkws schöpfen Essen aus ihren fahrbaren Töpfen und sorgen für zufrieden vollgetankte Fluggäste. Taschen, Koffer, Rucksäcke und auch sperrige Gegenstände zischen über den Asphalt. Ein “Push-Back”, eine motorisierte Zugmaschine, zieht ein Flugzeug auf den richtigen Platz. Da Flugzeuge keinen Rückwärtsgang haben, sind sie auf deren Hilfe angewiesen. Die Crew einer Maschine fährt mit ihrem silbernen Wagen zur Basis. Flughafenarbeiter transportieren mit ihren “Fumas” weitere Koffer zum Zielort. Jeder scheint hier zu wissen, was seine nächste Aufgabe ist – eine wunderbare Logistik.
Essen mit Flügeln
Alleine die rechtzeitige Lieferung von Essen an das Flugzeug ist erstaunlich. In wenigen Minuten muss ein Flugzeug leergeräumt und wieder mit Delikatessen frisch befüllt sein. Länger als 45 Minuten darf das sogenannte “Drehen” nicht dauern – doch meistens geht es innerhalb einer halben Stunde. Das Catering-Personal muss unter Zeitdruck alles richtig machen. Dafür werden sie auch belohnt. Geheimen Quellen zufolge bleiben nach einem Flug immer gute Leckereien über. Sushi aus Japan, oder einfach nur schwedische Schokokekse. Doch von der offiziellen Regel lässt man sich nicht so leicht abschrecken, denn die lautet: “Was schon einmal in der Luft war, muss verbrannt werden”.
Nachdem also die restlichen kulinarischen Schätze geborgen sind, wird der fliegende Kühlschrank wieder eingeräumt. Zuerst wird die erste Klasse befüllt, dann die zweite. Jede Essens-Box hat eine Nummer, die in den dafür vorgesehenen Schacht geschlichtet wird, damit es das Personal während des Fluges leichter hat. Für alles gibt es einen Zweck, für alles wird gesorgt.
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Erlebniswelt Online-Redaktion
30. Mai 2002
Setzen Sie sich bitte hin, lehnen Sie sich zurück und “hören” Sie zu. Versuchen wir nun also gemeinsam, ein Musikstück zu komponieren. Beginnen wir mit einem Grundrauschen. Aus allen möglichen Richtungen schleichen die verschiedensten Luftströme an Ihr Ohr heran – angefangen von großen Ventilatoren an der Decke bis hin zu der kleinen, aber zahlenmäßig überlegenen Menge an eingebauten Lüftern. Die vielen rauschenden Wirbel fügen sich zu einer unsichtbaren Wolke zusammen, welche ständig im Raum leise von einer Wand zur anderen schwebt.
Diesem Fundament lassen sich weitere “Instrumente” hinzufügen. So treten aus einer künstlich beleuchteten Ecke anfangs ungewöhnliche Töne. Ein rot strahlender Kasten, der eigentlich nur dazu da ist, um runde Metallscheiben in gefülltes Glas zu verwandeln, durchstößt die Stille mit einem bärigen Brummen. Doch je länger Sie dieses Brummen hören, desto unauffälliger wird es und verschwindet, ohne es überhaupt zu merken. Sein weißer Konkurrent – etwas moderner, da er doch aus elektrischen Signalen angreifbare Dokumente zaubert – wiehert wie ein Pferd, wenn der knifflige Umwandlungsprozess stattfindet.
Schritte in den unterschiedlichsten Tonhöhen sind zu hören, da diese Höhle des roten Bären und des weißen Pferdes sehr oft besucht wird. Wasser plätschert aus einem naheliegenden Höhlensystem, begleitet von merkwürdigen Geräuschen, als ob sich zuerst etwas ab- und dann später wieder aufrollen würde. Wenn Sie sich nun von diesem Ort langsam entfernen, werden die bildlichen Klick-Geräusche und textlichen Tipp-Geräusche immer lauter. Zuerst wirken die beiden Arten getrennt, doch nach konzentriertem Hinhören gehören sie doch zusammen.
Aber vorsicht, es zischt jemand um die Ecke und drängt sich an Ihnen vorbei. Dieser jemand möchte ungestört mit einem entfernten Wesen kommunizieren. Dazu wird unbedingt frische Luft und ein Blickkontakt in den Himmel benötigt. Also, auf die Seite und Fenster auf! Ich weiß, Sie sind jetzt ganz aufgeregt und hören ihr Herz pumpen, aber ein metallisches und helles Ding-Ding-Ding (es klingt wie ein sanfter Schlag auf mehrere Triangeln) lenkt Sie ab. Ein unsichtbarer Luftzug hatte dies ausgelöst. Sie wissen, es ist Sommer, denn im Winter hören Sie es seltener – und wenn, dann nur durch dicke Stoffe gedämpft.
Natürlich sind Sie in die Richtung der Quelle dieser Schallwellen geschlichen, um zu erkunden, was es wirklich war. Vorbei an blau strahlenden Schirmen und einer weißen, dekorierten Wand. Doch ein Plätschern und Blubben lenkt Sie von Ihrem Vorhaben ab. Mit voller Begeisterung beobachten Sie aufsteigende Luftbläschen, die sich in einem blaugetönten Behälter nach oben drängeln. Nicht lange dauert dieses Schauspiel, denn Sie haben einen großen Fehler gemacht.
Hier setzt die Percussion völlig unerwartet ein. Ohne Ihre visuelle Umgebung beachtet zu haben, sind Sie gegen einen mit Papier gefüllten Zylinder aus Metall getreten. “Bim, bim” läutet es aus einem Regal. Eine weitere Stunde hat geschlagen.
Sie glauben jetzt, viel erlebt zu haben? Dann liegen Sie ganz falsch, denn dieses Musikstück ist noch lange nicht zu Ende. Kennen Sie alle Melodien der tragbaren Kommunikationsinstrumente? Sie haben ja nicht einmal die Hauptstimmen gehört. Das dürfen Sie sich auf gar keinen Fall entgehen lassen! Ein kleiner Vorgeschmack: “Grüß euch”, “Welche Klappe hast du?”, “Ich bestell was beim Italiener…”, “Essen!”, “1, 2 und 3 sind fertig”, “Bitte schicken”, “Hängst du mir bitte den Teaser nocheinmal ein?”, “35 Meldungen im Ticker”, “Sitzung!”, “Baba”, …
Schade, dass Sie schon gehen müssen. Bitte nehmen Sie diese Tür. Moment, ich habs gleich. Die klemmt ab und zu. Steigen Sie einfach in den Lift ein, denn hier können Sie das heutige Erlebnis so richtig in Ruhe ausklingen lassen. Aber ich warne Sie, nach einem Tastendruck auf den schwarzen Schlüsselknopf öffnet sich die Tür in die Welt, über die wir hier drinnen – im Großraumbüro von ORF.at – berichten.
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